BARBARA EITEL




"divers", 2014

die Bodenzeichnung 'divers'
die Bodenzeichnung 'divers'
die Bodenzeichnung 'divers'
die Bodenzeichnung 'divers'
die Bodenzeichnung 'divers'
die Bodenzeichnung 'divers'

Barbara Eitel arbeitet mit dem Raum. Genauer gesagt: Der Raum ist die Arbeit.

Der Raum ist zuerst einmal das, was um uns herum und zwischen uns ist, dasjenige, in dem wir stehen, in dem wir gehen und uns bewegen. Als solcher ist der Raum unsichtbar. Sodann ist der Raum dasjenige, was wir selbst einnehmen. Jeder Körper hat einen Raum, den er ausfüllt, bzw. ist ein Raum. Jeder hat seinen ganz eigenen Raum. Schließlich ist der Raum derjenige der Architektur oder der Landschaft, der unser Gehen und Sehen begrenzt und ordnet. Der Raum der Architektur bestimmt den Raum zwischen den Körpern, im Außen- wie im Innenraum. So definiert der Stadtraum die Beziehungen der Menschen untereinander.

Als ich bei einer ersten Vorbesichtigung den noch fast leeren Bellevue-Saal sah, da sagte ich spontan: "Dieser Raum ist eine Schachtel." Eine Schachtel ist ein in sich abgeschlossener, von seinem Äußeren losgelöster Raum, in dem alle Seiten gleichberechtigt sind. Das gilt hier trotz der Fensterfront, trotz der Stuckdecke und dem Parkettboden: Es gibt keine hierarchische Gliederung des Raumes, keine hervorgehobenen Orte, keine in ihm sichtbare Vermittlung mit der Fassade und dem Stadtraum. Dadurch gewinnt der Boden allerdings eine besondere Funktion: Es entsteht durch ihn der Eindruck, er müsse außerhalb dieses Innenraums weitergehen; die 'Schachtel' sei keine Schachtel, sondern ein architektonisch vermittelter Raum. Diese Beziehung bleibt ungewiss und rätselhaft.

Barbara Eitel nimmt sich in ihrer künstlerischen Arbeit des Bodens an. "Der Boden entscheidet" lautet der Titel einer kleinen Dokumentation ihrer Arbeit, die hier ausliegt. Der Boden entscheidet zunächst einmal in einem rein technisch-praktischen Sinne: An seiner Materialität liegt, was auf ihn aufgetragen und nach Ablauf der Ausstellungszeit ohne Schädigung des Bodens restlos entfernt werden kann. Im Falle dieser Arbeit handelt es sich um bemalte Folie. Der Boden und mit ihm der Raum entscheidet über den künstlerischen Entwurf, der für ihn erarbeitet wurde. Und schließlich entscheidet er bei jeder einzelnen Setzung von ausgeschnittenem Farbmaterial auf die Fläche. Das Kunstwerk entsteht in, durch und während der Arbeit mit dem Boden im Raum in einem wochenlangen Prozess materialer und visueller Reflexion.

Während ihres Wiesbadener Stipendienaufenthalts hat die Künstlerin die Stadt erkundet und erlebt, hat sich mit Stadtbewohnern über deren Verhältnis zu ihrer Stadt unterhalten und sich mit Architektur- und Stadtgeschichte auseinandergesetzt. All das bzw. das dadurch entstandene innere Bild der Stadt ging in den Entwurf für die Arbeit des Bellevue-Saales ein. Da gibt es identifizierbare Elemente, wie etwa ein Geländer von der Fassade des Hauses oder ein von unten gesehener Balkon. Es kommt aber nicht auf die Gegenständlichkeit an, auch wenn der Betrachter seine Assoziationen frei spielen lassen kann und in dieser Weise selbst Beziehungen zu der außen befindlichen Stadt und seinem eigenen Bild von ihr herstellt.

Barbara Eitels 'Bodenzeichnung' öffnet den Raum. Dies geschieht in offensichtlicher Sinnfälligkeit durch den 'Fluss' des Farbmaterials, durch den 'Schwung', mit dem die Farbstruktur durch die Fläche zieht und bei der linken hinteren Tür - die Türen stehen bewusst offen- den Raum im engeren Sinne sogar für einen Augenblick verlässt. Die gleichsam zeitliche Struktur der farbigen Bewegung stellt eine Selbstreflexion des Raumes dar: Der Raum ist immer ein Bewegungs- und Beziehungsraum. Gewichtungen entstehen, Gebiete verdichteter intensiver Farbigkeit und Flächen, in denen das Parkett als solches Grund und Mitspieler ist.
Der Betrachter bewegt sich auf der Fläche, er geht auf der Farbe und auf dem Grund, er stellt sich auf ein leuchtendes Gelb oder betrachtet dieses aus einiger Distanz in seinem strukturellen Zusammenhang. Der Betrachter geht der Farbe nach und damit dem Raum und erfährt sich selbst als Körper im Raum, bewegend-bewegt.

Die Bewegtheit des großen Schwungs wird im Kleinen unterstützt, so u.a. von einzelnen quadratischen Elementen in der Größe der Grundform des Parketts, die mit und gegen die Richtung der aufgestrichenen Farbe aufgeklebt sind, sodass sie das beim bloßen Parkett eher statisch wirkende Strukturelement des wechselnden Richtungssinnes aufgreifen und in freie Beweglichkeit übersetzen. Ein weiteres solches Bewegungselement sind die Betonungen einzelner Stäbchen des Parketts mit hellerer, mit dem Pinsel aufgetragener Farbe: Das feste Gefüge wird gelockert. Die helleren 'Stäbchen' ergeben zusammen eine eigene Flächentextur. Der geometrische und der materielle Charakter des Parketts wird im Einzelnen wie im Zusammenhang transparent.

Neben der Bewegung ist eine zweite markante Dimension dieser Bodenarbeit ihre Perspektivität. Nicht nur sieht die Arbeit von jedem Ort des Raumes anders aus und erschließt jede Position neue Zusammenhänge. Sondern einzelne Gebilde des Farb-Form-Zusammenhangs, wie z.B. die große 'Schnecke", verändern sich in ihrer Räumlichkeit und damit in ihrer Bedeutung und ihrem Bedeutungszusammenhang, sodass sie ganz überraschend einen ganz anderen Eindruck erhalten haben. Die freie und dynamische Perspektivität besagt: Diese Arbeit will genauso erkundet werden, wie eine Stadt und ein Stadtraum erkundet werden möchten. Ohne selbst architektonisch zu sein, ist diese Bodenzeichnung von Barbara Eitel architektonisch gedacht. Durch die Perspektivität entfaltet sich die Arbeit in den Raum hinein, und der Betrachtende wird zum Teil der Arbeit als Raum selbst.

Als dritte auffallende Dimension ist die Konstruktivität zu bemerken. Vor allem durch große dunkel umrandete weiße 'Körper' werden Achsen, Sicht- und Verknüpfungsachsen gelegt. Die Künstlerin nennt sie 'Leuchtstoffröhren', ich musste an die Striche zur Markierung der Fahrbahnen einer Straße denken. Beides impliziert die räumliche Orientierungsfunktion, die diese 'Körper' haben. Der Raum ist nicht leer, sondern ein Beziehungsgeflecht: eine Vernetzung von möglichen, von gewesenen und wirklichen Beziehungen, in denen sich das Leben gestaltet. Die Arbeit von Barbara Eitel realisiert ganz konkret, ganz sinnlich, ganz körperlich erlebbar die grundsätzlichen Dimensionen des Raumes. Dieser Raum selbst ist letztlich unsichtbar oder das Unsichtbare selbst.

"Divers", das ist nicht nur das Verschiedene, Entgegengesetzte, Widersprechende. Divers ist das nach der entgegengesetzten Seite Gewandte und in dieser Beziehungsstruktur eine Bewegtheit und die Zusammenfassung möglicher Bewegungen. Solchen Sinn zu explizieren und sinnfällig zu machen, das leistet die Bodenzeichnung Barbaras Eitel im Wiesbadener Bellevue-Saal. Der Saal selbst kommt dadurch zu sich selbst, als sei er durch die Kunst 'erlöst'.

© Angelica Horn, Frankfurt am Main 2014
Angelica Horn hielt die Eröffnungsrede