BARBARA EITEL




"konvers", 2013

die Bodenzeichnung'konvers'
die Bodenzeichnung 'konvers'
die Bodenzeichnung 'konvers'
die Bodenzeichnung 'konvers'
die Bodenzeichnung 'konvers'
die Bodenzeichnung 'konvers'
die Bodenzeichnung 'konvers'
die Bodenzeichnung 'konvers'

In der Frankfurter Weißfrauenkirche, einem Neubau des Architekten Werner W. Neumann von 1956, realisierte Barbara Eitel eine ihrer "Bodenzeichnungen", die dort vom 22. März bis zum 26. April 2013 zu sehen und zu begehen ist.
Die Arbeit besteht aus mit Acryllack bemalten und dann ausgeschnittenen Papierformen, die mit Kleister auf dem Steinboden des Kirchenraums aufgebracht sind. Die Künstlerin selbst spricht von einer "Landschaft" im Sinne einer raumeinnehmenden Struktur.

Der eliptoide Innenraum der Weißfrauenkirche ist mit starken architektonischen und innenarchitektonischen Elementen ausgestattet. Kein dort ausstellender Künstler kommt umhin, sich mit dem Raum und seiner optischen Dominanz auseinanderzusetzen. Barbara Eitel ist die erste, die sich dem Boden widmet und ihn als in sich strukturiertes und lebendiges Gebilde thematisiert. Die von ihr entwickelte Struktur liegt derjenigen der Steinplatten auf, ohne dieser zu widersprechen, sondern sie in Andersartigkeit ergänzend. Der Boden ist jetzt mehr als bloßer Boden.

Betritt der Besucher den Raum dieser Ausstellung, so macht er die eigentümliche Erfahrung, daß ihm Elemente im Raum auffallen (vielleicht die bunten Fische an der Kanzel), die ihm sonst nicht bewußt wurden: Die Arbeit von Barbara Eitel läßt die Dinge im Raum sichtbar werden in einer Weise, in der sie alle gleichwertig sind - auch und gerade diejenigen Dinge und Elemente, die einem sonst problematisch oder störend schienen. Der in der Arbeit, auf ihr, wandelnde Betrachter sieht immer neue farbige und formale Konstellationen der Bodenzeichnung und von da aus immer neue Ansichten des Kirchenraums in Bezug zur künstlerischen Arbeit. Es gibt keine privilegierte Sicht.

Barbara Eitel geht es in ihrer Arbeit um eine Enthierarchisierung des Raums". In und durch den Prozeß des Sehens, beiläufig oder aufmerksam, spazierend oder stehend, wird der Raum als solcher erfahrbar - nicht als dreidimensionales Gebilde, nicht als Gehäuse, Behälter, Innenraum, sondern als offener Raum von Möglichkeiten oder als Möglichkeitsraum. Hatte Immanuel Kant einst von Raum und Zeit als reinen Anschauungsformen von Erkenntnis überhaupt gesprochen, so werden beide hier konkret als Bedingungen erfahrbar - als Bedingungen von jeder besonderen Räumlichkeit und Zeitlichkeit, wie sie sich vom Standpunkt und der Bewegung des Betrachters ergeben, der immer Mittelpunkt des Raumes ist.

Der Raum als Möglichkeitsraum ist der Raum der Möglichkeit von Beziehung oder der Raum möglicher Beziehungen. Hier läßt sich ein Gedanke des Theoretikers Vilèm Flussers aufgreifen, mit dessen Werk Barbara Eitel sich intensiv auseinandergesetzt hat: Konkret sind alleine die Beziehungen selbst und nicht das durch Beziehungen Verbundene. (1) So ist der Raum nicht leer, sondern voll von Möglichkeiten. Das Kunstwerk ist somit nicht nur die materiale Bodenarbeit, sondern der ganze Raum inklusive dem Betrachter. Im Raumerleben wird der Betrachter schließlich auf sich selbst umgewendet: Der eigene innere Raum als Ort von Möglichkeit ("Kreativität", "Spiritualität") wird erfahrbar.

Die "Bodenzeichnung" von Barbara Eitel in der Weißfrauenkirche ist in mehrfacher Hinsicht "konvers": In der Beziehung von Formen des Außenraums des quirligen Frankfurter Bahnhofsviertels und von Formen des Innenraums, wie z.B. der leuchtend bunten Glasfenster, zu den Formen der Bodenarbeit, in der Freisetzung des Raumes und des Betrachters durch das Sehen und Erleben der Bodenzeichnung und schließlich in der Wendung des Betrachters im Raum auf sich selbst.

(1) "Das Konkrete ist als ein Netz von Beziehungen anzusehen, und die Fäden dieses Netzes verknoten sich, ohne etwas Konkretes zu verbinden. Konkret sind einzig die Beziehungen selbst, wohingegen alles Bezogene oder In-Beziehung-Stehende (alle Objekte und Subjekte der Beziehungen) Abstraktionen sind." Vilèm Flusser, Vom Subjekt zum Projekt. Menschwerdung, Frankfurt am Main 1998, S. 49.

© Angelica Horn, Frankfurt am Main 2013 Angelica Horn, Philosophin, hielt die Eröffnungsrede